Angermünder Staffel
Die südlichste der Uckermärker Staffeln, südwestlich von Angermünde. Vom Eberswalder Urstromtal aus gut zu erkennen, weil das Gelände hier deutlich ansteigt.
Eiszeit · Berlin und Brandenburg
Die Spree ist zu klein für ihr Bett. Sie mäandert durch eine Rinne, die zwanzig Mal breiter ist, als sie füllen könnte — gegraben von Schmelzwasser, das vor gut 20.000 Jahren am Rand eines Eisschilds nach Westen abfloss. Wer diese eine Sache weiß, sieht die Stadt anders.
01 — Der Beweis
Dass die Findlinge in Brandenburg aus Skandinavien stammen, war im frühen 19. Jahrhundert unstrittig. Umstritten war, wie sie hergekommen sind. Die vorherrschende Erklärung hieß Drifttheorie: Mitteleuropa habe unter einem flachen Meer gelegen, Eisschollen hätten die Blöcke herangetragen und beim Abschmelzen fallen lassen. Das klang plausibel, erklärte die Steine — und war falsch.
Am 3. November 1875 trug der schwedische Geologe Otto Torell der Deutschen Geologischen Gesellschaft in Berlin eine andere Deutung vor. Sein Beweisstück lag vor der Stadt, im Muschelkalk von Rüdersdorf: parallele Kratzer auf blankem Fels, alle in dieselbe Richtung, über große Flächen gleichmäßig. Eine treibende Eisscholle kann so etwas nicht hinterlassen. Eine Eismasse, die mit Gesteinsschutt an der Unterseite über den Fels schleift, schon.
Torell stieß zunächst auf erheblichen Widerstand. Durchgesetzt hat sich seine Inlandeistheorie trotzdem binnen weniger Jahre, und mit ihr ein Werkzeug: Wo Schrammen liegen, kennt man die Fließrichtung. Wo man die Fließrichtung kennt, kann man Findlinge zu ihrem Herkunftsgebiet zurückverfolgen. Aus einem Rätsel wurde ein Messinstrument.
02 — Drei Kaltzeiten
In Berlin sind Ablagerungen von drei nordischen Kaltzeiten nachgewiesen: Elster, Saale und Weichsel. Ältere Kalt- und Warmzeiten kommen im Stadtgebiet nicht vor. Dazwischen liegen die Warmzeiten Holstein und Eem, in denen hier Torfe und Seeschlamm entstanden — Klima wie heute, teilweise wärmer.
| Abschnitt | Beginn vor heute | Was davon in Berlin liegt |
|---|---|---|
| Holozän | 12.000 | Torfe, Mudden, Dünen, Flusssande — die Nachlese |
| Weichsel-Kaltzeit | 115.000 | Alles, was man an der Oberfläche sieht |
| Eem-Warmzeit | 127.000 | Torfe und Mudden, vereinzelt |
| Saale-Kaltzeit | 304.000 | Grundmoräne, meist direkt unter der Weichsel-Moräne |
| Holstein-Warmzeit | 320.000 | Tone mit Schnecken, Flusskiese |
| Elster-Kaltzeit | 400.000 | Tiefe Rinnen, bis 250 m unter der Oberfläche |
Gliederung nach Stackebrandt & Manhenke (2010), zitiert im Umweltatlas Berlin, Geologische Skizze.
Nicht, weil sie schwächer waren — im Gegenteil. Die Elster-Gletscher haben besonders tiefe Rinnen in die damalige Landoberfläche erodiert und wieder verfüllt. Während die eiszeitlichen Schichten in Berlin sonst 20 bis 100 Meter mächtig sind, erreichen sie in diesen Rinnen bis zu 250 Meter. Von der Elster-Kaltzeit sieht man nichts, weil sie zu tief liegt.
Die Saale-Kaltzeit reichte am weitesten nach Süden, bis an die Mittelgebirge. Ihre Grundmoräne liegt in Berlin unmittelbar unter der weichselzeitlichen — stellenweise nur durch eine Lage Schmelzwassersand getrennt. Von der Saale-Kaltzeit sieht man nichts, weil die Weichsel darübergefahren ist.
Eine Folge davon ist bis heute technisch relevant: Wo die Elster-Rinnen den etwa 80 Meter mächtigen Rupelton vollständig ausgeräumt haben, fehlt die Trennschicht zwischen dem Salzwasser in der Tiefe und dem Süßwasser darüber. An diesen Stellen kann salziges Tiefenwasser aufsteigen — eine 400.000 Jahre alte Erosionsrinne als Randbedingung der Berliner Wasserwirtschaft.
03 — Die Grammatik
Ein Eisschild, das lange genug an einer Stelle steht, ordnet die Landschaft vor sich immer nach demselben Muster. Albrecht Penck hat dafür vor über hundert Jahren den Begriff glaziale Serie geprägt. Vier Glieder, vom Eis nach außen: Grundmoräne, Endmoräne, Sander, Urstromtal.
Das ist keine Aufzählung, sondern eine Reihenfolge mit Ursache. Jedes Glied entsteht aus dem, was das vorherige übrig lässt. Wer sie einmal verstanden hat, kann eine topografische Karte Norddeutschlands lesen wie einen Satz.
Vier Glieder, eine Reihenfolge
Klick auf ein Element im Profil — links steht, wie es entsteht, und wo es bei Berlin liegt.
04 — Die letzte Kaltzeit
Die Weichsel-Kaltzeit begann vor rund 115.000 Jahren, aber das Eis erreichte Brandenburg erst gegen Ende. In ihrem Hochglazial stieß das skandinavische Inlandeis dreimal vor und blieb jeweils eine Weile stehen. Jeder dieser Halte hinterließ eine eigene glaziale Serie — und ein eigenes Urstromtal.
Wo das Eis stand
Schematische Karte, nicht maßstäblich. Schalte zwischen den drei Phasen um — jede zeigt den Eisrand und das Urstromtal, das ihn entwässerte.
Datierungen nach den Übersichtsartikeln zu Brandenburg-, Frankfurt- und Pommern-Phase; ausführlich in Chronology of Weichselian main ice marginal positions in north-eastern Germany (E&G Quaternary Science Journal, 2011).
05 — Feinauflösung
Die drei großen Phasen sind das grobe Raster. Zwischen ihnen und innerhalb von ihnen blieb der Eisrand immer wieder für kürzere Zeit stehen und hinterließ kleinere Endmoränenzüge. Solche Halte heißen Staffeln. In der Uckermark, wo das Eis zuletzt lag, sind sie besonders dicht gestaffelt.
Die südlichste der Uckermärker Staffeln, südwestlich von Angermünde. Vom Eberswalder Urstromtal aus gut zu erkennen, weil das Gelände hier deutlich ansteigt.
Weiter nördlich, im Bereich der Uckermärkischen Seenplatte. Zwischen ihr und der Angermünder Staffel wurden zusätzliche Zwischenhalte kartiert.
Auch Randow-Staffel, an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Die Zuordnung schwankt in der Literatur zwischen später Pommern- und früher Mecklenburg-Phase.
Der jüngste hier fassbare Halt, dem Mecklenburg-Stadium zugeordnet. Zu diesem Zeitpunkt war Brandenburg längst eisfrei.
Eine saubere Treppe. Die Staffelnamen stammen aus verschiedenen Kartierungstraditionen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und wurden zu unterschiedlichen Zeiten vergeben. Ob eine bestimmte Staffel zur Pommern- oder zur Mecklenburg-Phase gehört, ist teilweise bis heute offen — jüngere Untersuchungen der östlichen Uckermark haben zusätzliche, vorher unbeschriebene Eisrandlagen gefunden.
Praktisch heißt das: Die Namen markieren gut belegte Halte, aber die Nummerierung des Rückzugs ist keine Naturkonstante, sondern ein Forschungsstand. Wer eine ältere Karte liest, findet womöglich eine andere Einteilung.
Grundlage: Eisrandlagen und Abflussbahnen aus der Weichselkaltzeit in der östlichen Uckermark, Humboldt-Universität zu Berlin.
06 — Anwendung
Jetzt die Anwendung. Berlin zerfällt naturräumlich in drei Teile, und sie sind genau die Glieder der glazialen Serie: zwei Grundmoränenplatten und dazwischen das Urstromtal. Wer weiß, in welchem der drei Teile er steht, weiß, was unter ihm liegt.
Zwei Platten und ein Tal
Stark vereinfacht. Klick auf eine der drei Einheiten.
Das Urstromtal ist mit Sanden von bis zu 50 Metern Mächtigkeit gefüllt und durchzieht die Stadt von Ost nach West. Genau dort, wo die Spree im Tal eine schmale Stelle mit festem Untergrund fand, entstanden die Doppelstädte Berlin und Cölln. Die Furt war der Grund, das Tal war die Bedingung.
07 — Die Seen
Ein zurückweichender Eisrand zieht sich nicht wie ein Vorhang zurück. Er zerfällt. Einzelne Blöcke bleiben liegen, werden von Schmelzwassersand überschüttet und dadurch isoliert — Sand ist ein guter Wärmedämmstoff. Solche Blöcke können Jahrhunderte überdauern, während ringsum längst wieder Vegetation wächst.
Wenn sie schließlich schmelzen, sackt das Gelände darüber ein. Zurück bleibt eine Hohlform ohne Zufluss und ohne Abfluss: ein Toteisloch. Im Berliner Urstromtal entstanden auf diese Weise viele der heutigen Seen und Moore.
Vier Stadien
Vom liegengebliebenen Eisblock zum See. Klick dich durch.
Die Grunewaldseen — Schlachtensee, Krumme Lanke, Hundekehlesee, Grunewaldsee — liegen auffällig auf einer Linie. Das ist kein Zufall und auch kein Toteis, sondern eine glaziale Rinne: unter dem Eis hat Schmelzwasser unter Druck eine Furche ausgeräumt. Rinnen sind schmal, tief und gerichtet.
Die Unterscheidung ist im Gelände oft strittig und in vielen Fällen wirkten beide Prozesse zusammen. Wer es genau wissen will, braucht die Bohrprofile — die Form allein reicht nicht.
08 — Neben dem Eis
Bisher ging es um Landschaft unter dem Eis und vor dem Eis. Der Hohe Fläming, gut eine Stunde südwestlich von Berlin, zeigt die dritte Möglichkeit: Landschaft neben dem Eis.
Der Fläming lag während der Weichsel-Kaltzeit außerhalb der Vergletscherung. Deshalb ist er auch kein Weichsel-Produkt, sondern eine Saale-Landschaft — eine Altmoräne mit Höhenzügen bis rund hundert Metern, die seit über 130.000 Jahren an der Oberfläche liegt. Genau das, was in Berlin fehlt, weil dort die Weichsel darübergefahren ist.
Der Boden war dauerhaft gefroren. Im Sommer taute nur die oberste Schicht auf, darunter blieb der Permafrost undurchlässig. Das Schmelzwasser konnte deshalb nicht versickern und musste oberflächlich abfließen. Es sammelte sich in den vorhandenen flachen Mulden und schnitt sich ein — Jahr für Jahr, an denselben Stellen.
Ihre heutige Schärfe bekamen die Rummeln allerdings erst viel später. Als im Mittelalter die Rodungen den schützenden Wald entfernten, griff der Niederschlag ungebremst an und vertiefte die Talgründe weiter. Die Form ist also eiszeitlich angelegt und mittelalterlich zugespitzt.
| Form | Wo sie entstand | Erkennungsmerkmal | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Glaziale Rinne | unter dem Eis | schmal, tief, gerichtet, mehrere auf einer Linie | Grunewaldseen |
| Toteisloch | im Eis | rundlich, ohne Zu- und Abfluss, oft in Gruppen | Seen im Urstromtal |
| Rummel | neben dem Eis | verzweigt wie ein Geweih, trocken, steile Hänge | Hoher Fläming |
09 — Bis heute
Eiszeitgeologie klingt nach Vergangenheit. Tatsächlich hängen einige sehr gegenwärtige Dinge unmittelbar daran.
Berlin bezieht sein Trinkwasser aus quartären und teilweise tertiären Grundwasserleitern — und zwar zu rund 90 Prozent aus dem eigenen Stadtgebiet. Die Speicher sind die Schmelzwassersande.
Wenige Millionenstädte können das. Berlin kann es, weil hier 50 Meter Sand liegen.
Der Rupelton liegt normalerweise 150 bis 200 Meter tief. In Lübars hat ihn Salztektonik bis an die Oberfläche gedrückt — die einzige Stelle Berlins. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er dort abgebaut und zu Ziegeln gebrannt.
Aus diesen Ziegeln bestehen unter anderem das Rote Rathaus und das Rathaus Reinickendorf. Die Tongrube ist heute ein Freibad.
In den Rauener Bergen bei Fürstenwalde liegen die Markgrafensteine, die größten Findlinge Brandenburgs; der größere wog ursprünglich schätzungsweise 700 bis 750 Tonnen.
Aus einem Teil davon wurde die Große Granitschale vor dem Alten Museum geschlagen — die größte Schale der Welt aus einem einzigen Granitstück.
Die Sander und Talsande sind nährstoffarm und wasserdurchlässig. Darauf wächst Kiefer, nicht Buche. Die märkische Streusandbüchse ist keine Bodenqualität, sondern eine Ablagerungsform.
Auf der Grundmoräne mit ihrem lehmigen Geschiebemergel sieht es anders aus — dort liegen die alten Ackerdörfer.
10 — Exkursion
Alles hier Beschriebene liegt im Tagesausflugsradius. Sortiert nach den Gliedern der glazialen Serie — so lässt sich die Grammatik an einem Wochenende einmal durchgehen.
| Ort | Was man sieht | Glied | Anfahrt |
|---|---|---|---|
| Rüdersdorf | Gletscherschrammen im Muschelkalk, Tagebau | Beweisstück | S5 Strausberg + Bus |
| Müggelberge | Stauchendmoräne, höchste natürliche Erhebung Berlins | Endmoräne | S3 Friedrichshagen + Bus |
| Rauener Berge | Markgrafensteine, größte Findlinge Brandenburgs | Findling | RB Fürstenwalde + 4 km Fußweg |
| Saarmund / Michendorf | Endmoränenbogen und Sanderflächen südlich Potsdam | Endmoräne · Sander | RB Michendorf |
| Grunewaldseen | Seenkette in einer glazialen Rinne | Rinne | S1 Schlachtensee |
| Viktoriapark | Hangkante der Teltow-Hochfläche zum Urstromtal | Talkante | U6 Platz der Luftbrücke |
| Eberswalde | Urstromtal der Pommern-Phase, deutliche Talkanten | Urstromtal | RE3 ab Hauptbahnhof |
| Bad Belzig / Wiesenburg | Rummeln — periglaziale Kerbtäler im Hohen Fläming | Rummel | RE7, rund 1 Stunde |
| Groß Ziethen | Blockpackung im Endmoränenaufschluss Sperlingsherberge | Endmoräne | RE3 bis Angermünde, dann Bus |
| Angermünde | Anstieg zur Angermünder Staffel, Uckermark | Staffel | RE3, rund 1 Stunde |